Burg Schlanstedt
Impressionen der Dichterin Christel Trausch aus ihrem Buch "Brücken und Briefe" (Dr. Ziethen Verlag Oschersleben)
Mein Enkel besitzt eine Burg, preisreduziert. Ich sehe mir den neuen Playmobil-Katalog an. Natürlich ist die Burg mit Fallgitter und Verlies interessanter. Ich entdecke auch unsere Burg vom vorherigen Weihnachtsfest, mit der wir allerhand Spielstunden verbrachten, aber auf der Seite 19 heißt unsere Burg nicht Burg, sondern Barbarenruine, und unsere Ritter werden Barbarenreiter genannt. gut, dass Jonas noch nicht lesen kann. Und so bleiben die Ritter Ritter, und unsere Burg Burg. Eine erschwingliche Neuerwerbung des diesjährigen Weihnachtsmannes ist der Schatztransport der Königsritter. Ich denke, wir haben damit die Barbaren veredelt, zumal Pferd und Wagen eine Truhe mit vergoldeten Münzen auf den Weg bringen und keine Waffen.
Ich besitze keine Burg, aber habe eine in meiner Nähe, gut zwanzig Kilometerchen nur entfernt. Halberstadt durchfahren, Huy überqueren, diesen Höhenzug, der nicht mehr zum Harz gehört, im Mai nach Waldmeister duftet, Wallfahrtsort ist, schöner Blick zur Huysburg hinauf vom Röderhofer Teich aus, auf dem Enten schwimmen, manchmal auch Schwäne, an Dingelstedt vorbei, und die Burg ist zu sehen. Vom kleinen Ort aus nicht die Auffahrt verfehlen, leichter Anstieg, und dann durch das dicke steinerne Tor gehen in alte Zeiten hinein. Burghof mit Linde und Brunnen, Gebäudegeviert schafft Geborgenheit, Kühle im Sommer, Restwärme im Winter. Über der Eingangstür reihen sich Wappen, Kopf hoch und betrachten. Hühner ums Bein herum finden immer was zwischen dem Kopfsteinpflaster, Geranien vor dem Fenster, hier ist Leben, über mir Himmelsausschnitt, ach, und dort runder Turm, wird Aussicht haben!
War einer ausgezogen vor Jahren aus dem Westfälischen, um eine Burg zu suchen, suchte, fand sie in Schlanstedt und reichlich Arbeit, durch die sich eine Führung lohnt. Ich erzähle nicht weiter, man fahre selbst hin!
Der Burgherr kommt und heißt Brümmer in Lederweste und Bart, Stimme ins Gewölbe, deftig und kräftig, schenkt ein und erzählt. Hier möchten wir Bleiben. Und die Burgherrin heißt Blume, ich vergleiche sie mit einer Magerite, hat Pflaumenkuchen und Apfelkuchen gebacken. Wie Heinzelmännchen kommen die Kinder, leise und flink, bringen Sahne und Zucker, natürlich auch Kaffee.
In diesem Rittersaal hat mein Sohn Hochzeit gefeiert. Rosenhochzeit ist längst vorbei. Jetzt lese ich Gedichte, und die Burgbesitzer gehen nicht an ihre Arbeit, die sie doch haben, sie hören zu, und das ehrt mich. Fröhliches Händeschütteln. Auch meine Freunde aus Polsum werden gern wieder herkommen, im Frühling vielleicht.
Keine Falltür, Verlies wird heute nicht besichtigt, Geheimgang ist immer noch ein bisschen geheim. Und doch plötzlich ein Überfall! Wahrhaftig! Aber einer der Mich heute noch tanzen lässt: Die Burgbesitzer „überfallen“ mich mit dem Vorschlag, auf ihrer Burg meine Bücher zu verkaufen.
Wie zieren sich Buchhandlungen, wenn es um Gedichte geht. Krimis sind immer gefragt, aber wer liest noch Gedichte?
Die Schlanstedter Burgbesitzer, die lesen Gedichte und schätzen Bücher, sind zu Rittern geschlagen von allen Musen, und kommen gefahren nach Wegeleben, laden den Kofferraum mit meinen Büchern voll. Ich werde auf diese Weise abtransportiert auf die Burg, nicht ins Verlies, nein, in den Verkaufsraum. Rotwein in edler Flasche erinnert an den Burgherrenbesuch. Und fünf Bücher haben sie bereits verkauft.
Werden es nicht lassen bei Kaffee und Kuchen und Ritterschnäpsen, hier wird auch der Geist genährt.
Jetzt muss Winter kommen übern Huy und uns, danach wird es grünen um die Burg und uns. Ich reise ohne Auto, Wagen und Pferd nur in Gedanken zu der Burg mit dem Sinn für Kultur. Wir brauchen nicht sieben Berge und kulturelle Zwerge. Wir haben Burgbesitzer mit Verstand. Das Buch hat Aussicht noch im Land.
Jedenfalls auf Burg Schlanstedt!